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    Berlin

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Freunde

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MC Rene

 

  • Verfasst von Michael Nast

Der Montags-Mann aus dem Internet | 21. Dezember 2009

Ein Mann um die 30 zieht in Berlin mit seinen Kumpels los, zieht um die Häuser, quatscht in Discos Mädchen an. Er hört zu, er beobachtet. Wenn der Morgen graut, geht der Grafikdesigner nach Hause, setzt sich hin, schreibt. Nach drei bis vier Stunden ist eine Geschichte fertig. Er stellt sie ins Internet auf "MySpace" (Mein Raum). Dort, im sozialen Netzwerk für Privates und Freizeit, warten seine Fans auf seine Kolumne. Sie erscheint montags. Michael Nast wird zum meistgelesenen Blogger Deutschlands - zum "Blogger-Gott".

Nasts bissig-ironische Skizzen vom hauptstädtischen Nachtleben, von Beziehungsstress und Einsamkeit, vom ganz normalen Liebeswahnsinn scheinen Menschen gefehlt zu haben. Ungefähr 30 000. So viele Freunde hat er im Internet-Forum. "Authentisch" ist das Wort, das am häufigsten in Zusammenhang mit seinen nett-bösen, manchmal melancholischen Beobachtungen fällt. Frauen, die ihm auf MySpace (meist mit einem hübschen Foto von sich) begegnen, mögen seinen Humor. Mina bloggt: "Eine tolle Geschichte zum Start in meinen Tag!" Nast macht süchtig, sagen die, die ihn zu kennen glauben. So wie einen guten Freund.

"Wir sind doch Freunde?", sagt Oliver Korittke. Was weniger wie eine Frage, eher wie eine Feststellung klingt. Dem Schauspieler aus Berlin-West gefielen die Alltags-Geschichten des Autors aus Berlin-Ost so gut, dass er sie nun gemeinsam mit Michael in Klubs liest. "90 Prozent Frauenquote", verspricht Michael Nast mit Blick auf sein Publikum. Vor zwei Wochen warteten 800 Leute vor dem "Cookies" in nächtlicher Kälte, um ja nicht die Präsentation von Nasts erstem Buch ("Der bessere Berliner", Großstadtgeschichten) zu verpassen. Irgendwo im Zigarettenqualm und Stimmengewirr saß Michaels Mutter still auf einem Stuhl und war stolz.

Vor seiner ersten Lesung war er zu ihr nach Köpenick gefahren, um zu üben. Ihm war eingefallen, dass er seine Geschichten ja noch nie laut vorgetragen hatte. Die Mutter, zu DDR-Zeiten im Verlag "Der Morgen" beschäftigt, bewahrt im Keller Michaels Kindheit in Kisten auf. Es sind Bücherkisten. Ihr Junge (sie nannte ihn nach dem Michael in Nina Hagens "Du hast den Farbfilm vergessen") wollte unbedingt zur Schule. Endlich lesen lernen. In der 2. Klasse erfand er eine Geschichte zum Cover einer "ABC-Zeitung". Eine Waldszene. Er musste sie sogar auf Fahnenappellen vorlesen.

Bei seinen Streifzügen durchs Berliner Nachtleben wird der smarte, blonde Literat in Sneakers, Jeans, schwarzem T-Shirt, dunklem Jackett längst erkannt. Es gibt Kumpels, die sich mit ihm brüsten, um bei Frauen zu landen. "Ich bin ein Freund von Michael Nast...", beginnt die Anmache. Ein Typ bringt's damit auf fünf Dates die Woche. "Was muss das für ein Logistiker sein", wundert sich Nast, verewigt ihn in einer Geschichte über Mittdreißiger, die altern, aber nicht erwachsen werden wollen. Manchmal horchen Damen Michas Freunde aus: "Sag mal, wie ist das mit den Groupies?" Die wiegen dann vielsagend den Kopf: "Dazu möchte ich mich jetzt nicht äußern..."

Also Micha, wie ist das nun mit den Groupies? Er grinst: "Ich wusste gar nicht, dass ich welche habe." Michael steht auf dunkelhaarige Frauen. Er verliebte sich immer in Ostberlinerinnen. Michael ist - Single!

Der 34-Jährige kultiviert das Alleinsein nicht. Fünf Jahre fuhr er nicht in Urlaub, geht auch nicht allein ins Theater. Bestimmte Dinge spart er sich auf, um sie mit jemandem zu teilen. "In einer Beziehung bin ich nicht für halbe Sachen." Spricht er Freunde auf deren Freundinnen an, reagieren sie oft abwartend: "Man müsse doch erst mal sehen..." So als käme noch was Besseres vorbei. "Leute springen von Beziehung zu Beziehung." Früher dachte er, nur Frauen wären so.

An die eine große Liebe, die einem das Herz für immer bricht, mag er nicht glauben. "Liebe bezieht sich doch nicht auf eine Person, sie ist ein Gefühl. Oder?"

Manche Freunde sind vorsichtig geworden mit dem, was sie Michael erzählen. Aus Angst, Teil der Geschichten zu werden. "Bei Lesungen lachen sie erst, fühlen sich dann ertappt, finden das gar nicht cool." Es gibt Ex-Freundinnen, die kein Wort mehr mit ihm reden. Wie jene, die all ihre Freunde zärtlich "Hase" rief, um Verwechslungen vorzubeugen. Fremde suchen seine Nähe, wollen ihm ihre Geschichte erzählen. Es sind traurige Schicksale.

Auf seinem Fenstersims stehen weiße Kerzen. Gerade Linien, helle Wände. Michael Nast ist es nicht egal, mit welchen Dingen er sich umgibt. Ein depressiver Kühlschrank grüßt, der kaum was zu bewahren hat. Ein selbstgebautes Bücherregal. Schreibtisch mit Laptop, nur ein Stift drauf. Keine Junggesellenbude. Ein aufgeräumter Ort konzentrierter Arbeit auf 62 Quadratmetern im 5. Stock der Karl-Marx-Allee. Hier arbeitet Nast an seinem zweiten Buch. Es sind Erzählungen, die er in der 3. Person schreibt. Er hat eine Erfahrung gemacht: "In der unpersönlichen Form kann ich Dinge viel krasser sagen, ohne dass sie mir einer übel nimmt." Er tritt hinaus auf seinen Balkon. Es gibt nur sehr wenige Balkone zur Allee mit den Prunkbauten hin. Wenn dort jemand steht, schauen Menschen irritiert hinauf. Als hätten sie eine Erscheinung.

Zum Artikel auf der Website des Berliner Kurier

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