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  • Verfasst von Michael Nast

Das Feuer von Stuttgart | 6. November 2010

Schwaben sind obrigkeitshörig und haben Berlin vereinnahmt, dachte unser Autor, bis er die Demonstrationen im Fernsehen sah - und beschloss, sich sein eigenes Bild zu machen. Die Geschichte einer Annäherung.

Berlin - Gerade ist das Wort „Revolution“ gefallen. Ein großes Wort, ein Wort, das sehr weit weg zu sein scheint von Horst Baisch und Jürgen Erlewein und dem Dialekt, den sie sprechen. Einem Dialekt, in dem sogar Halbsätze wie „Weil se sonschd Angschd habe“ irgendwie niedlich klingen. In der rhetorischen Welt der beiden älteren Herren bin ich nicht Michael Nast – ich bin „der Herr Naschd“.

Und „der Herr Naschd“ klingt wie ein etwas einfältiger Charakter in einer Vorabend-Serie, dem man ansieht, dass schon lange niemand zärtlich zu ihm gewesen ist. Das Wort „Revolution“ und „der Herr Naschd“, das passt alles nicht so richtig zusammen. Oder sagen wir so, auch um die Spannung ein wenig zu erhöhen: Noch nicht so richtig.

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  • Verfasst von Michael Nast

"Ich nehm auch die Hässlichere" | Großstadtkolumne

Es ist schon erstaunlich, wie unterschiedlich beispielsweise Gespräche von den jeweiligen Gesprächspartnern wahrgenommen werden können. Das veranschaulicht ein bemerkenswerter Satz, der auf meiner letzten Geburtstagsfeier fiel. Diese eindrucksvollen Worte waren die abschließende Bemerkung der zweistündigen Unterhaltung zwischen Hendrik und Johanna, die sich, obwohl ich die beiden seit Jahren kenne, an diesem Abend zum ersten Mal begegnet waren. Das lag daran, dass sie eigentlich zu zwei einander ausschließenden Bekanntenkreisen gehören.

Einige kennen das vielleicht. Es besteht immer eine gewisse Gefahr, wenn sich einander ausschließende Bekanntenkreise mischen. Ich kenne Leute, die aus diesem Grund ihre Geburtstagsfeier aufteilen. Sie feiern zwei Mal. Mit den einen feiern sie in ihren Geburtstag hinein. Mit den anderen an ihrem Geburtstag. Sie wählen die Gäste der jeweiligen Feier danach aus, wie gut sie sich verstehen. Wie gut sie zueinander passen. Das ist sicherlich nicht unklug, und vielleicht hätte ich das auch tun sollen. Aber ehrlich gesagt finde ich es gerade interessant, wenn sich diese Bekanntenkreise auf meinen Geburtstagsfeiern berühren. Obwohl es für mich mit einer gewissen Spannung verbunden ist. Einer Spannung, die immer mal wieder stärker wird und sich dann wieder abschwächt. Sie ist der Grund, aus dem ich mich auf meinen Geburtstagen nicht entspannen kann.

Diesmal schien jedoch auch alles gut zu laufen. Johanna und Hendrik hatten gemeinsame Themen. Sie unterhielten sich inzwischen schon fast zwei Stunden. Irgendwann erzählte Hendrik, dass er nicht weit entfernt wohnen würde. Nur einige hundert Meter auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

„Wenn du Lust hast, können wir noch zu mir gehen“, sagte er.

Johanna zögerte. Dann sagte sie vorsichtig, dass sie nicht sicher war, ob sie seine Idee für einen überlegenswerten Vorschlag hielt. Hendrik sah sie an als hätte sie den Verstand verloren. Dann warf er nachsichtig einen Blick auf ihr Dekolletee und sagte: „Dich fick ich auch mit kleinen Titten.“

Ein bemerkenswerter Satz. So empfand ihn Johanna wohl ebenfalls, denn sie starrte Hendrik fassungslos an. Dann sagte sie schnell, dass sie Juliane heißen würde, und dass sie ja auch ihre Freunde, mit denen sie heute Abend hier war, schon eine Weile nicht mehr gesehen hätte.

„Ich werd sie am besten mal suchen gehen“, sagte sie und sah sich um.

Hendrik rülpste. Dann sagte er: „Macht nüscht. Ick geh jetzt sowieso erst mal pissen.“

Sprachlich nicht sehr elegant, aber wirkungsvoll. Hendrik zwinkerte Johanna unangemessen vertraut zu. Dann ging er lächelnd an ihr vorbei und verschwand er auf der Toilette.

Ein Samstagabend in der Berliner Mitte. Willkommen in Berlin.

In diesem Moment versuchte ich gerade Sebastian davon zu überzeugen, seine Rauschplanung für diesen Abend eventuell noch einmal zu überdenken. Sebastian war ziemlich betrunken und hatte gerade zwei eingeschüchterte jungen Frauen mit der etwas kühnen These konfrontiert, dass ja eigentlich Rudolf Hess die DDR regiert hatte – gewissermaßen aus der Vollzugsanstalt Spandau heraus. Eine kühne These, die er offensichtlich für ein angemessenes Smalltalk-Thema hielt. Als mir die jungen Frauen hilfesuchende Blicke zu warfen, war die Spannung wieder da. Ich schob Sebastian erst einmal von ihnen weg und versuchte, ihm zu erklären, dass seine ja verhältnismäßig absurden Theorien möglicherweise nicht in die Kategorie eines leichten Party-Themas unter Freunden fielen.

Dann spürte ich, wie sich eine Hand auf meiner Schulter legte. Ich sah mich um. Es war Johannas Hand. Vier Minuten später war ich über ihre Hendrik-Thiel-Erfahrung ziemlich umfangreich und auch sehr detailliert informiert. Ich fand sie ziemlich bestürzend. Bevor ich jedoch angemessen reagieren konnte, wurde meine Aufmerksamkeit von Sebastian abgelenkt, der gerade an der Theke mit den Worten „Wat isn jetz' mit die Jetränke hier?“ auf den Barkeeper einredete. Ich schlug der etwas verängstigten Johanna vor, sich erst einmal auf die Tanzfläche zu begeben. An einem Ort, an dem sich viele Menschen aufhielten, war es schließlich immer sicherer. Dann versuchte ich, die Situation an der Bar zu deeskalieren, bevor ich mich mit Hendrik auseinandersetzen würde.

Einige werden jetzt einwenden, dass ich natürlich nur Johannas Version der Geschichte kannte. Vermutlich könnte man Hendriks Verhalten entschuldigen oder sogar verstehen, wenn man seine Version kennen würde. Vielleicht war dieser Satz aus seiner Sicht die folgerichtige Bemerkung der vorangegangenen zwei Stunden. Das begriff ich, als mich Hendrik am nächsten Nachmittag gut gelaunt anrief, um sich nach Johannas Telefonnummer zu erkundigen.

Ich wirkte wohl ein wenig unentschlossen, denn irgendwann sagte Hendrik ungeduldig: „Die Frau stand doch total auf mich. Ick seh sowat. Ick spür sowat. Und du weeßt, ick kenn mich aus mit Frauen.“

Genau genommen war ich mir nicht sicher, inwieweit Hendrik sich mit Frauen auskannte. Und auch in Bezug auf Menschen generell hatte ich meine Bedenken. Ich hätte ihm jetzt sagen können, dass selbst ein so aufmerksamer Beobachter wie er die Menschen, die ihm begegnen, nicht sieht, wie sie wirklich sind, sondern wie sie ihm, verzerrt durch seine persönliche Sicht, erscheinen. Jeder nimmt seine Umwelt sozusagen durch den Filter seiner selbst wahr. Und so gesehen sagen unsere Einschätzungen anderer nicht wenig über uns selbst aus.

Ich habe es dann doch nicht gesagt. Zum einen weil ich solche Dinge wohl nie sagen würde, und zum anderen weil ich mit Hendrik darüber nun wirklich nicht ins Gespräch kommen wollte. Er hätte mich wahrscheinlich vollkommen missverstanden.

Ich dachte an Johanna, die mir erzählt hatte, dass Hendrik ihr anfangs durch seinen starken Berliner Dialekt gar nicht so unsympathisch war.

„Sein Dialekt gibt ihm eine gewisse Eleganz im Vulgären“, hatte sie gesagt.

Eine gewisse Eleganz im Vulgären? So reden Intellektuelle, wenn ihr Blick im Zoologischen Garten unerwartet auf Tiere fällt, die sich gerade selbst befriedigen. Ein Satz, der aus einer Mischung aus Verlegenheit und Faszination entsteht. Ich glaube, mit diesen Gefühlen verband sie auch die Unterhaltung mit Hendrik. Er war ein Exot. Ein Berliner in Berlin. Ein Eingeborener. Und solche Menschen kommen in Johannas Umfeld selten vor, obwohl sie bereits seit acht Jahren in der Stadt wohnt. Für eine Münchener Galeristin wie sie ist jemand wie Hendrik jemand, den man lieber nicht zu nah an sich herankommen lässt.

So gesehen beruhte das Gespräch der beiden auf einem großen Missverständnis. Ich befürchte allerdings, dass es Hendrik egal ist. Denn wenn ich jetzt so darüber nachdenke, ist Hendriks „Ich fick dich auch mit kleinen Titten“-Bemerkung doch überaus folgerichtig. Vor allem wenn ich daran denke, wie die Dinge sich so entwickeln können, wenn man mit Hendrik ausgeht. Es ist für mich immer ein wenig quälend, mit Hendrik auszugehen. Sobald wir einen Club betreten, hat er diesen Blick. Ein Blick, der mich immer irgendwie an diese Einstellungen in den Terminator-Filmen erinnert, in denen gezeigt wird, wie der Terminator seine Umwelt wahrnimmt.

Hendrik scannt.

Dann macht er die ersten Vorschläge, welche Frauen wir jetzt so kennen lernen könnten. Hendrik bevorzugt es nämlich, gemeinsam Frauen kennen zu lernen. Er nennt das die „Tag-Team-Action“. Diese Art des Kennenlernens ist mir offen gestanden immer ein wenig unangenehm. Ich habe ungern das Gefühl, Frauen überreden zu müssen, sich mit mir zu unterhalten. Abgesehen davon birgt diese – nennen wir sie mal – Strategie eine nicht unwesentliche Gefahr: Sie ist immer mit einem Kompromiss verbunden. Wenn Frauen ausgehen, umgeben sie sich ja selten mit Freundinnen, deren Aussehen mit dem ihren vergleichbar ist. Es gibt die Attraktivere, die mit ihrer Freundin ausgeht, um sich ihrer ästhetischen Überlegenheit bewusster zu sein. Und dann gibt es noch die Unattraktivere, die hofft, dass die Attraktivität ihrer Freundin auf sie abstrahlt, sie gewissermaßen gleichrangig erscheinen lässt.

Weil Hendrik ja weiß, wie ich zu seiner Vorgehensweise stehe, hat er seine übliche Strategie für mich ein wenig modifiziert: „Zeig mir zwei, von denen dir eine gefällt“, sagte er vor einigen Monaten im White Trash, während sein Blick durch die Bar glitt, „ich mache sie an und du kommst später dazu. Ich nehm auch die Hässlichere.“

Ich verzog schmerzhaft das Gesicht, obwohl dieser Weg natürlich seine Vorteile hatte. Wir würden uns nicht auf Hendriks Geschmack verlassen, der offen gestanden ziemlich wahllos ist. Hendrik gab mir Zeit und ging erst mal zur Bar. Ich sah mich um. Hier waren keine Frauen, die mich interessierten.

Als Hendrik mit zwei Gläsern Wodka-RedBull zurückkehrte, erkundigte er sich ungeduldig, welche Frauen er denn nun ansprechen sollte. Ich sagte ihm, dass es mir wegen der Lichtverhältnisse schwer fiel, überhaupt irgendwelche Gesichter zu erkennen. Hendrik sah mich an, als hätte ich gerade mit ihm Schluss gemacht. Dann gab ich nach. Ich sagte: „Hast du eigentlich schon eine gesehen, die dir gefällt?“ Und überließ uns Hendriks Geschmack.

Wie ich bereits erwähnt habe, ist diese Art des Kennenlernens ja immer irgendwie mit einem Kompromiss verbunden. Es gibt allerdings auch andere Szenarien, wie ich an diesem Abend feststellen musste. Denn leider fand ich mich eine halbe Stunde später in Gegenwart von zwei Kompromissen wieder.

Zwei Kompromisse, die Katja und Sandra hießen.

Die Kompromisse sahen mich gleichgültig an. Damit gab es zumindest schon mal eine Gemeinsamkeit. Vielleicht konnte man darauf aufbauen.

„Hallo,“ sagte ich zögernd.

Dann sagte ich nichts mehr. Ich gab die passive Komponente. Wer sich in Situationen dieser Art zurückhält, muss sich häufig mit den Resten zufrieden geben. Aber darauf kam es hier ja auch nicht mehr an. Katja und Sandra wirkten, als wären sie an unserem Gespräch genauso interessiert wie ich. Aber Hendrik redete irgendwie alle Zweifel weg. Ich sagte dann allerdings doch noch etwas, und damit hätte ich es beinahe versaut. Als die Frauen in einem Nebensatz erwähnten, dass sie Wirtschaftskommunikation studierten, fragte ich fassungslos: „Wie bitte? Ihr habt Abitur?“

Das war ein Fehler. Dabei meinte ich das nicht einmal geringschätzig. Ich wollte niemanden verletzen. Es war ein rein instinktiver Impuls. Ich konnte praktisch nichts dagegen tun. Es war der erste Satz, den ich seit unserer Begrüßung sagte. Hendrik warf mir einen strafenden Blick zu. Die Frauen sahen mich an wie Rentner, die während eines Kaffeekränzchens kurz eingenickt sind, und dann aufwachen, weil ihnen jemand mit erhobener Stimme eine Frage gestellt hat. Wie alte Menschen, die nicht wissen, worum es geht. Es war auch dieser Moment, in dem mir auffiel, dass sie zu den Menschen gehörten, denen man ansieht, wenn sie nachdenken. Ich sagte schnell, dass ich einen Drink bräuchte und ging zur Bar.

Als ich zurückkehrte, war Hendrik offensichtlich in die Angriffsphase übergegangen. In dieser Phase entzieht sich jedoch aus irgendeinem Grund seinem Verständnis, dass es beispielsweise „Nein“ bedeutet, wenn eine Frau schon mehrere Male ziemlich ungeduldig „Nein“ gesagt hat. Hendrik macht weiter. Ohne Rücksicht auf Verluste. Als er bemerkte, dass ich von der Bar zurückkehrt war, entschuldigte er sich bei Katja und Sandra und trat mit triumphierendem Blick auf mich zu. Manöverkritik.

Er griff nach meinen Drink, den er bis zur Hälfte leerte. Ich fragte: „Und, wie läuft’s?“

„Gut. Sehr gut sogar. Wir sind jetzt in der entscheidenden Phase des Abends“, sagte er mit Verschwörermiene. „Jetzt ist es wohl Zeit für den Klassiker.“

„Den Klassiker?“, fragte ich.

Hendrik sah mich feierlich an, bevor er die Frage beantwortete. Ein angemessener Augenblick für eine Kunstpause. Dann sagte er nur ein Wort: „Nötigung.“

Ich war mir nicht sicher, aber nach dem Gesichtsausdruck der Frauen zu urteilen, war Hendrik über das Stadium der Nötigung bereits seit einiger Zeit hinaus. Aber vielleicht gab es da ja verschiedene Stufen.

„Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen merkwürdig“, sagte Hendrik mit beruhigender Stimme, als ich eine skeptische Geste machte. Er legte seine Hand auf meine Schulter und sagte eindringlich: „Aber es funktioniert.“

Na gut. Er schien Erfahrungswerte mit dieser Vorgehensweise zu haben. Insofern war er hier der Experte. Der Experte wandte sich ab und ging zu den Frauen zurück. Er ging sehr selbstbewusst. So gingen Männer, wenn sie die Dinge geregelt hatten. Wenn man so wollte, hat es dann auch funktioniert. Als die Frauen gehen wollten, bot Hendrik ihnen an, sie nach Hause zu fahren. Aus einem Grund, den ich nicht wirklich verstand, stimmten sie zu. Wir gingen zur Garderobe um unsere Jacken zu holen.

Neben der Nötigung gibt es in Hendriks Vokabular noch weitere Klassiker. Beispielsweise die „Massage-Nummer“. Und in dieser Nacht wurde ich Zeuge einer Mischung dieser beiden klassischen Strategien. Ich hielt zwar nicht bis zum Ende durch. Aber das was ich miterlebte, reichte schon.

Als wir im Wagen saßen, fragte Hendrik die Frauen leichthin, ob wir nicht noch auf einen Kaffee mit in die Wohnung kommen dürften. Sandra sagte, dass sie keinen Kaffee trinken würde, und deshalb auch keinen da hätte. Hendrik antwortete nicht und wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Straße zu. Aber er hatte noch nicht aufgegeben, denn als wir hielten, um die Frauen aussteigen zu lassen, bekam er plötzlich sehr großen Durst. Er brauchte jetzt unbedingt ein Leitungswasser, sagte er. Offensichtlicher ging es nicht. Ich wand mich peinlich berührt auf dem Beifahrersitz. Es war mir jetzt schon unangenehm. Die Frauen zögerten. Dann stimmten sie zu. Hendrik hatte es geschafft. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob ich mich darüber freuen sollte.

Sandra lebte in einer Einzimmerwohnung, in der es irgendwie dumpf roch. Sie schien lange nicht gelüftet zu haben. Die Frauen gingen in die Küche, um sich etwas zu essen zu machen. Wir setzten uns ins Wohnzimmer und als ich die beiden großen Käfige sah, die sich unter dem Fenster befanden, begriff ich auch, warum die Luft hier so schwer war. Sandra besaß Haustiere. Beunruhigend viele Haustiere sogar. Es gab Meerschweinchen, Kaninchen und eine Schildkröte. Sandra schien nicht gern allein zu sein.

Ich bin aus irgendeinem Grund Frauen gegenüber voreingenommen, die Meerschweinchen besitzen. Über den Charakter von Frauen, die Schildkröten halten, habe ich noch nicht nachgedacht, aber ich glaube, da bin ich sogar noch voreingenommener. Ich weiß allerdings, dass der Besitz einer Schildkröte Frauen zumindest schon mal jegliche sexuelle Attraktivität entziehen. Ich hatte das Gefühl, hier irgendwie auf der falschen Party zu sein.

Dann sagte Hendrik: „Pass auf, wir machen jetzt die Massage-Nummer. Die Massage-Nummer kommt immer gut. Wir ziehen uns jetzt einfach aus und legen uns ins Bett. Dann massieren wir sie. Dann läuft alles von ganz allein. Wichtig ist nur, dass wir nackt sind, wenn sie wiederkommen. Wir müssen uns aber beeilen. Los, zieh dich aus.“

In diesem Moment wurde mir klar, welche Dinge Hendrik so durch den Kopf gehen müssen, wenn er abends in seinem Bett liegt und nicht einschlafen kann. Er stellt Theorien auf. Das machte ihm Sebastian ähnlich. Aber auch abgesehen davon hatte ich nicht unerhebliche Zweifel an dieser Vorgehensweise. Nicht nur weil es in mir gewisse Ängste auslöste, mich nackt neben einem so stark behaarten Mann wie Hendrik in einem Bett zu räkeln. Ich war mir nicht sicher, wie die Katja und Sandra reagieren würden, wenn sie das Zimmer betreten und sehen würden, dass in dem Doppelbett zwei nackte Männer lagen. Irgendwie fiel mir auch keine elegante Überleitung zur „Massage-Nummer“ ein. Es ging eher davon aus, dass Katja und Sandra fluchtartig die Wohnung verlassen würden, um dann auf dem Flur das ganze Haus zusammen zu schreien. Mir kam der Gedanke, dass es die Situation vielleicht ein wenig auflockerte, wenn wir die vielen Tieren mit ins Bett nehmen würden. Aber auch wenn das sicherlich ein reizvolles Bild war, würde es möglicherweise auch nicht allzu viel bringen. Ich sah das Sondereinsatzkommando schon die Wohnung stürmen. Ich musste hier raus. Das lief hier gerade alles in die falsche Richtung.

Dann begann Hendrik, sich auszuziehen.

Als er dann nackt auf dem Bett lag, sagte ich, dass ich jetzt gehen würde. Ich konnte das nicht. Ich war müde. Ich wollte hier weg. Es war unangenehm und auch eine verstörende Weise grotesk. Hendrik starrte mich entgeistert an. Als ich die Wohnung verließ, hörte ich aus der Küche das Lachen der Frauen. Bald würde dieses ausgelassene Lachen nicht mehr zu hören sein. Spätestens wenn sie das Wohnzimmer betraten. Ich verabschiedete mich nicht von ihnen. Als ich die Straße betrat, war es als würde ich wieder im Leben ankommen. Im wirklichen Leben.

Man muss kein Psychoanalytiker sein, um einschätzen zu können, was Hendrik offenbar nicht einschätzen kann, wenn er die Kontrolle an seine Instinkte abgibt. Obwohl ich jedoch als guter Beobachter gelte und für solche Situationen eigentlich sensibilisiert bin, kommt es auch bei mir hin und wieder zu Fehleinschätzungen. Nicht allzu oft, aber sie kommen vor. Auf meiner Geburtstagsfeier ist so etwas wieder passiert. Es begann gegen drei Uhr morgen, als mir eine Bekannte zwei Freundinnen vorstellte, in deren Begleitung sie auf die Feier gekommen war. An den Namen der einen kann ich mich nicht mehr erinnern. Der Name der anderen Frau war Christina.

Zwei Stunden später saßen Christina und ich noch immer an einem der hinteren Tische des Raums und unterhielten uns angeregt. Unser Gespräch hatte sich ganz natürlich ergeben. Und auch dass wir uns irgendwann abseits an einen Tisch setzten, um allein zu sein, war irgendwie folgerichtig. Wir verstanden uns. Ich entdeckte immer wieder neue Gemeinsamkeiten. Vielleicht lag es daran, dass ich schon ein paar Bier getrunken hatte, aber ich hatte wirklich den Eindruck, in den Dingen, die sie sagte, Antworten auf Fragen zu finden, die ich mir selbst stellte – und auch auf Fragen, die ich bisher noch nicht formuliert hatte. Als hätten wir ein Geheimnis, das nur uns betraf. Das klingt jetzt pathetisch, aber etwas Ähnliches war es schon. Ich hatte dieses Gefühl.

Irgendwann kamen ihre Freundinnen an den Tisch, und sagten, dass sie jetzt gehen wollten. Christina sagte, dass sie noch kurz warten sollten. Dann saßen wir uns noch zehn Minuten gegenüber. Wir sprachen nicht viel, als würden wir in der kurzen Zeit, die uns bis zum Abschied blieb, erfolglos nach wertvollen, der Situation angemessenen, Worten suchen. Christina erhob sich und gab mir zum Abschied einen Kuss auf die Wange.

Ich ging zur Bar. Der Barkeeper gab mir einen Wodka aus. Wir setzten uns und sprachen über die Frauenquote des Abends. Der Barkeeper schien nicht unzufrieden zu sein. Er hatte drei Nummern bekommen.

„Die werde ich dann mal in der kommenden Woche abarbeiten,“ sagte er.

Wir wandten uns um, als wir ein Geräusch am Eingang hörten. In der Tür stand Christina. Sie lächelte und fragte, ob wir nicht noch einen Kaffee zusammen trinken wollten. In meiner Wohnung vielleicht. Der Barkeeper holte ein weiteres Glas und gab noch eine Runde Wodka aus.

In meiner Wohnung tranken wir dann doch keinen Kaffee. Wir küssten uns. Dann schliefen wir miteinander. Nachdem wir miteinander geschlafen hatten, lagen wir erschöpft in meinem Bett und unterhielten uns. Wir kannten uns erst seit einigen Stunden, gingen jedoch so vertraut miteinander um, als würden wir schon seit Jahren sehr gute Freunde sein. Und so etwas passiert mir nicht allzu oft. Ich hatte das Gefühl, dass mein persönliches Glück greifbar geworden war. Dann warf Christina einen Blick auf ihre Uhr.

„So“, sagte sie leichthin, „jetzt kann ich also sagen, dass ich auch mal was mit Michael Nast hatte.“

Sie zog sich schnell wieder an und warf mir lachend einen Handkuss zu, als sie mein Schlafzimmer verließ. Dann fiel die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss. Ich sah ihr fassungslos nach. Ich hatte die Situation falsch eingeschätzt. Ich war zu einer Anekdote geworden. Ich konnte mir gut vorstellen, dass sie ihre Freundinnen bereits per SMS mit indiskreten Details der letzten Stunden informierte. Meine Penislänge war auf dem besten Weg, Allgemeingut zu werden. Ich kuschelte mich in meine Bettdecke und dachte mit einem melancholischen Gefühl daran, dass ich wieder ein Jahr älter geworden war.

Dann schlief ich ein. Oder sagen wir es so: ich weinte mich in den Schlaf.

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